Die erste Republik

Der Kongo-Freistaat

Stanleys Ziel war, mit seinen Expeditionen den Kongo dem englischen Kolonialreich anzugliedern. Da Stanley einen zweifelhaften Ruf hatte, als Amerikaner galt und die allgemeine Stimmung in England eher gegen Kolonien war, lehnte die englische Regierung eine Übernahme des Kongo ab. Der belgische König Leopold II. jedoch war von dem Gedanken an ein Kolonialreich seit langem fasziniert. Bereits im September 1876 veranstaltete er eine große geografische Konferenz in Brüssel, bei der es um die Erforschung des Kongos ging und gründete gleichzeitig eine philanthropische Gesellschaft zur Erforschung des Kongo, das Comité d’Études du Haut-Congo (1882 in Association Internationale du Congo umbenannt). Leopold wollte die Gelegenheit des britischen Desinteresses nutzen, umwarb Stanley regelrecht und schloss mit ihm endlich 1878 eine für fünf Jahre geltende Übereinkunft: Stanley sollte das Land aufkaufen und die unschiffbaren Katarakte am Fluss mit Straßen umgehbar machen, Leopold würde sich um den staatsrechtlichen Teil kümmern. Stanley erhielt große Summen Geldes von Leopold dafür, musste jedoch auch zusätzliche Mittel zur Finanzierung der Expedition einwerben. So ging er z. B. auf Vortragsreise und konnte sogar Missionsgesellschaften dazu bringen, Geld zu spenden.

Leopold II. von Belgien

Fünf Jahre lang war Stanley Leopolds Mann im Kongo. Offiziell trennten sich die Wege von Leopold und Stanley danach, doch heimlich stand Stanley weiter auf der Gehaltsliste des Königs. In Leopolds Auftrag gelang es Stanley, von 1879-85 durch 450 Kaufverträge für das Land rund um den Fluss mit verschiedenen Bantu-Häuptlingen weite Teile des Kongo zu "erwerben". Ähnliches hatten zuvor schon die Eroberer Mexikos getan. Die meist analphabetischen Häuptlinge, die juristische Papiere in einer ihnen unbekannten Sprache unterschrieben, konnten die Tragweite ihrer Tat natürlich nicht absehen. Die folgenreichste Klausel der Verträge besagte, "daß alle Arbeiten, Verbesserungen oder Expeditionen, welche die genannte Association zu irgendwelcher Zeit in irgendeinem Theile dieser Gebiete veranlassen wird, durch Arbeitskräfte oder auf andere Weise unterstützt werden" sollten. Auf dieser Klausel fußte die Zwangsarbeit der Zukunft.

Stanley baute eine Straße von der Kongomündung bis zum Stanley Pool (heute Pool Malebo), von wo aus der Kongo schiffbar war. Kleine Dampfschiffe wurden stückweise dorthin geschafft und zusammengebaut. Stanley gründete eine Stadt, die er nach seinem Gönner Léopoldville nannte (heute Kinshasa). An 1500 Kilometern Flusslauf entlang wurden weitere Stationen geplant und gebaut. All dies, so wurde es nach außen dargestellt, im Dienste der Wissenschaft und im Kampf gegen die Sklaverei durch angebliche arabische Sklavenjäger.

Durch all diese Aktivitäten konnten Stanley und Leopold zunächst ihren guten Ruf erhalten. 1884 nahm auch Stanley an der internationalen Kongo-Konferenz teil, die Otto von Bismarck in Berlin veranstaltete. Da auch in Belgien die Stimmung eher gegen Kolonien war, wurde Leopold der Kongo als Privatbesitz der belgischen Krone zugesprochen, mit der Verpflichtung "die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen, an der Unterdrückung der Sklaverei und des Negerhandels mitzuwirken" und "religiöse, wissenschaftliche und wohltätige Einrichtungen und Unternehmungen zum Besten der Eingeborenen zu schützen", demzufolge erklärte Leopold II. sich am 23. April 1885 zum Eigentümer des Kongo und erlässt eine Verfassung für den Kongo-Freistaat. Dieser Status jenseits allen Völkerrechts war in der ganzen Kolonialgeschichte einzigartig.

1889 fand in Brüssel eine große Konferenz gegen die Sklaverei statt. Sklavenhändler waren mittlerweile traditionell Afroaraber, die Konferenz stellte also für die europäischen Teilnehmer kein Problem mehr dar. Leopold ließ Stanley auf dieser Konferenz auftreten, um seine Position auf der Konferenz zu festigen und gleichzeitig dem belgischen Parlament einen Kredit von 25 Millionen Franken zu entlocken.

Das Riesenland, 75-mal größer als Belgien, wurde sukzessive kolonisiert und die bestehenden Bantureiche zerschlagen. Im Zuge der Inbesitznahme des Territoriums durch Belgien wurde auch die christliche Missionierung vorangetrieben, was zur Gründung von Schulen und Krankenstationen führte. 1891 erwarb das belgische Königshaus am Unterlauf des Kongo einen schmalen Zugang zum Atlantik und ließ Kautschukplantagen anlegen. Ein Jahr später wurde in der Provinz Katanga mit dem Abbau der Kupfervorkommen begonnen. Aus diesen und weiteren Wirtschaftszweigen (Elfenbein) wird ein Staatsmonopol und für die Bevölkerung die Zwangsarbeit verordnet.

Zwecks Anlage einer Kautschukplantage eingeebnetes kongolesisches Dorf.

Die Erschließung des riesigen Kongo finanzierte König Leopold II. durch den Verkauf von Nutzungsrechten an Gesellschaften. Die Konzessionsfirmen verfolgten ihre wirtschaftlichen Ziele mit einer - auch für damalige Verhältnisse - beispiellosen Rücksichtslosigkeit. Zur bestmöglichen Ausbeutung des Bodens und der Rohstoffe griffen die Kolonialherren zum Mittel der Enteignung, zum Sammeln von Kautschuk, Palmöl und Elfenbein wurde die Bevölkerung ebenso wie zum Gütertransport und Wegebau zwangsweise eingesetzt.

Belgisch-Kongo

Die brutale Ausbeutung des Landes und der Bevölkerung des Kongo-Freistaates führte um die Jahrhundertwende zu beträchtlichen Unruhen. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zu internationalen Protesten, die zum Teil durch Berichte von Missionaren ausgelöst wurden, die von den Gräueltaten wie dem Sammeln abgehackter Hände berichteten. Auf Druck der öffentlichen Meinung musste Leopold II. 1904 eine Untersuchungskommission installieren. Nachdem die Kommission Sklavenhandel, Zwangsarbeit und weitere Missstände aufgedeckt hatte, sah sich der König zu Reformen gezwungen, die jedoch wenig wirksam waren. 1908 sorgten Berichte über die menschenunwürdigen Ausbeutungspraktiken als so genannte "Kongogräuel" international für Aufsehen und Empörung, alarmierten die westlichen Nationen und zwangen Leopold endgültig zum Verkauf des Freistaat Kongo an den belgischen Staat, der nunmehr als Belgisch-Kongo firmierte. Die Verfassung, die Charte Coloniale, verbot jede politische Betätigung in der Kolonie und verfügte, dass die Regierungsmitglieder nicht gewählt, sondern ernannt werden.

Auch die Zwangsarbeit, zu der die Kongolesen bisher unter belgischer Herrschaft verpflichtet waren, wurde am 22. März 1910 offiziell abgeschafft. Inoffiziell aber erwies sich diese Maßnahme als wirkungslos, die Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung blieb erhalten. Zwischen 1880 und 1920 halbierte sich die Bevölkerung des Kongo, von den anfangs um 20 Millionen Einwohnern starben über 10 Millionen durch koloniale Gewaltverbrechen, Hunger, Entkräftung durch Überarbeitung und Krankheiten.

Durch die Ausbeutung der Agrarerzeugnisse Kautschuk, Palmöl und Kaffee aus einer expandierenden Plantagenwirtschaft sowie der Bergbauprodukte Kupfer, Blei, Zink und Diamanten gelang es Belgien, sich in die Gruppe der Industriestaaten einzureihen. Die mächtigen Konzessionsgesellschaften, allen voran die 1928 gegründete "Société Générale", übten bis in die 1960er Jahre großen Einfluss auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung im Kongo aus.

Am 5. August 1914 fing der erste Weltkrieg auch in Afrika an. In der folgenden Auseinandersetzung zwischen (hauptsächlich) England und Deutschland unterstützte Belgien ab Juni 1916 die britische Offensive in Deutsch-Ostafrika und besetzte Ruanda-Urundi (heute Ruanda und Burundi). Mit dem Versailler Vertrag verlor das Deutsche Reich 1919 völkerrechtlich auch die Kolonien in Ostafrika, Belgien erhielt die vorläufige Verwaltung über Ruanda-Urundi, 1920 und 1923 wurden die Länder offiziell belgisches Völkerbundsmandat und am 21. August 1925 als Mandatsgebiete Ruanda-Urundi administrativ der Kolonie Belgisch-Kongo angegliedert. Um den ihres Erachtens zur Rohstoff-Ausbeutung unterbesiedelten Kongo besser entwickeln zu können, beförderten die Belgier die Immigration insbesondere aus Ruanda, die bis in die Gegenwart für Konflikte insbesondere im Osten des Landes sorgte.

Anfang bis Mitte der 20er Jahre entstanden einige Kulte, die sich in den Folgejahren erfolgreich unter der Bevölkerung etablierten und wegen ihres Rückgriffs auf afrikanische Traditionen und der Etablierung nationalistischer Ideen von der Kolonialverwaltung wohl zu recht als Gefahr erlebt wurden. Vor allem im um 1921 entstandenen prophetischen Kimbanguismus, der die Situation im Kongo mit der des alttestamentlichen Israel gleichsetzte und eine Art "Königreich Gottes auf Erden" zu etablieren suchte, mit einer eigenständig afrikanischen Verwaltung auf christlichem Fundament, sowie dem um 1925 entstandenen Kitwala-Kult sah Belgien eine Bedrohung der Kolonialherrschaft, am 11. Februar 1926 wird daher ein Verbot gegen alle afrikanischen, auch religiösen, Organisationen erlassen. Zugleich wechselt auch die Hauptstadt der Kolonie, von Boma wandert die Verwaltung nach Léopoldville, dem heutigen Kinshasa.

Aufschwung im Zweiten Weltkrieg

1928 wurde die mächtige Monopolfirma "Société Générale" gegründet, ein Konzern, der in den kommenden Jahren erheblichen Einfluss auf die Geschicke des Kongos gewann. Die Bergbau- und Finanzfirma wuchs im Boom der 30er und 40er Jahre zu gewaltiger Größe heran und organisierte die Ausbeutung und Plünderung des Kongo. Nach der Niederschlagung der Sezessionsbestrebungen in der an Mineralstoffen reichsten Provinz der Kolonie Katanga 1931 und durch den 2. Weltkrieg expandierte die Industrie des Kongo; insbesondere die Uran-, Kupfer-, Palmöl- und Gummiindustrie erlebte einen großen Aufschwung.

Die kongolesische Armee nahm während des Zweiten Weltkriegs am Kampf gegen die Italiener in Nordafrika teil. Als Rohstofflieferant für die alliierte Kriegswirtschaft - unter anderem mit Uran für das US-amerikanische Atombombenprogramm - blühte der Kongo im Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich auf. Entsprechend wurde die Infrastruktur zügig ausgebaut, die ersten Ansätze der Industrialisierung verstärkten die Verstädterungstendenzen. Die afrikanische Bevölkerung erhielt zwar eine Basiserziehung und medizinische Versorgung, wurde aber nicht an der Verwaltung beteiligt. So existierten bis in die fünfziger Jahre keine afrikanischen Führungsfiguren. Die Unzufriedenheit der modernen Afrikaner wuchs.

Ruanda-Urundi wurde nach dem Ende des Kriegs am 13. Dezember 1946 als UN-Treuhandschaftsgebiet unter belgischer Verwaltung wieder administrativ vom Kongo getrennt und am 1. Juli 1962 in die Unabhängigkeit entlassen. Auf eine Rückführung der zahlreichen von den Belgiern als "Gastarbeiter" in den Kongo geholten Ruander wurde dabei aber verzichtet. Jahrzehnte später, im Bürgerkrieg der 90er Jahre, wurden diese eine der Quellen ethnischer Unruhe im Osten des Landes.

Die Nachkriegszeit

Auch in der Nachkriegszeit stieg die Produktivität der Kolonie anfangs weiter an, gleichzeitig aber ließ die autoritäre Kolonialpolitik Belgiens ab den 1950ern den Widerstand der Kongolesen gegen die Fremdherrschaft erstarken. Dieser war allerdings weniger als nationalistische Unabhängigkeitsbestrebung des ethnisch heterogenen Kongo zu verstehen, sondern eher als eine gemeinsame antibelgische Bewegung.

Um dieser zu entgegnen, initiierten die Belgier eine Reihe von Reformen, um dem Widerstand die Spitze zu nehmen. Am 8. Dezember 1957 nahmen so Kongolesen erstmals an den Kommunalwahlen teil und errangen 130 der 170 Sitze. Ab 1958 erlaubte Belgien die Gründung der ersten politischen Parteien, darunter die der beiden in der Zukunft wichtigsten Parteien, der bereits seit 1950 im Untergrund existierenden Abako (Alliance de Bakongo) unter Joseph Kasavubu und am 10. Oktober 1958 des MNC (Mouvement National Congolais) unter Patrice Lumumba.

Ein Kongress dieser sowie verschiedener ethnisch-regionaler Parteien und nationaler Bewegungen forderte 1959 die sofortige volle Unabhängigkeit des Kongo. In der Folge kam es zu Unruhen, auf die die belgische Regierung hart reagierte. Im Oktober 1959 wurde auch Lumumba verhaftet und gefoltert. Erst nachdem der belgischen Regierung klar wurde, dass sie die Kontrolle über das riesige Land nicht aufrechterhalten könnte, wurde er nach rund drei Monaten am 25. Januar 1960 freigelassen. Zwei Tage später, am 27. Januar 1960, kündigte Belgien Wahlen und Selbstverwaltung an und erklärte, dass es sich innerhalb von sechs Monaten aus dem Kongo zurückziehen werde. Das Versprechen hielt Belgien, am 30. Juni 1960 erhielt der Kongo seine Unabhängigkeit, nachdem einen knappen Monat zuvor am 25. Mai 1960 der MNC in den ersten freien Wahlen des Kongo die meisten Stimmen auf sich vereinigt hatte.

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