Die zweite Republik

Die "Kongo-Wirren"

Der übereilte Rückzug Belgiens (nur die militärische Führung blieb in den Händen der Belgier) stellte die Unabhängigkeitsbewegung aber vor große Probleme: das Land war in einem äußerst instabilen Zustand, so hatten regionale und ethnische Führer teils mehr Macht als die Zentralregierung in Kinshasa. Dieser Zustand war durchaus von Belgien intendiert gewesen, der zuständige belgische Kolonialminister De Schrijver vertraute im Herbst 1959 einem Gesprächspartner an, dass er darauf warte, im "entstehenden Chaos um Hilfe gerufen zu werden" (nach Van Bilsen, 1994).

Das Wahlergebnis hatte Lumumbas MNC mit 33 von 137 Sitzen zur stärksten Fraktion des Parlaments gemacht. Dieses Ergebnis war von Belgien und den USA, die Lumumba als Kommunisten verdächtigten und eine Hinwendung des rohstoffreichsten und größten schwarzafrikanischen Landes zum kommunistischen Lager unter allen Umständen verhindern wollten, nicht erwünscht gewesen. Ihr Favorit war der eher gemäßigte Kasavubu gewesen. Zugleich zerbrach die bisher nur durch die Unabhängigkeitsbewegung zusammengehaltene Allianz und interne Konflikte brachen auf.

Patrice Lumumba war erster Ministerpräsident und Joseph Kasavubu erster Staatspräsident des Kongo, sie repräsentierten politisch antipodische Vorstellungen. Kasavubu, dessen Partei besonders im Bas-Congo stark war, verfocht eher föderalistische Bestrebungen, im Gegensatz zu Lumumba, der Zentralist war. Trotzdem bemühten sich beide, das Land trotz Meutereien, Aufständen und Gewalttätigkeiten zu regieren, das mit dem überstürzten Rückzug Belgiens und seiner Verwaltung fast unregierbar geworden war. Kaum ein Kongolese war übergangslos in der Lage, die ausgebildeten belgischen Beamten zu ersetzen, weniger als 30 Kongolesen besaßen 1960 einen Universitätsabschluss, unter den 4.500 höchsten Beamten des Staates waren nur drei Afrikaner. Auch waren Afrikaner kaum im Besitz von Kapital, Ende der 50er Jahre verfügten sie, die gut 99 % der Bevölkerung stellten, nur über 55 % der Löhne. Diese Entwicklung war von Belgien durchaus vorhergesehen worden, man erhoffte, zu "Hilfe gerufen" zu werden und sich den Kongo so wieder aneignen zu können. Bei diesem Unterfangen sollten die noch immer im Kongo stationierten belgischen Truppen helfen.

Nachdem der belgische General Émile Janssens den erwartungsvollen kongolesischen Soldaten in Kinshasa am 5. Juli erklärte, dass "Nach der Unabhängigkeit = Vor der Unabhängigkeit" sei, demzufolge also die Übernahme von Afrikanern in das Offizierskorps in absehbarer Zeit ausgeschlossen wäre, kam es zu einer Meuterei, die sich innerhalb der nächsten Tage über das ganze Land ausbreitete und auch unter Zivilisten zu Aufständen führte. Als Ergebnis von Verhandlungen mit den Meuterern entschieden Lumumba und Kasavubu, den belgischen Oberbefehlshaber und seinen Stab zu entlassen. Als neuen Oberbefehlshaber wählten sie Victor Lundula und als Stabschef Joseph Mobutu, eine folgenreiche Wahl, da sie den bereits mit dem belgischen und dem US-Geheimdienst in Verbindung stehenden Mobutu neben den schwachen Lundula an eine äußerst mächtige Position beförderte. Die Unruhen, die Afrikanisierung des Offizierskorps sowie das Angebot einer Arbeitsstelle in Belgien durch die belgische Regierung führten zu einer Massenflucht der Belgier, was den vollständigen Zusammenbruch der Zivilverwaltung bewirkte.

Der Sezessionskrieg

Moïse Tshombé proklamierte bereits einen Tag vor der Unabhängigkeit des Kongo, am 29. Juni, die Unabhängigkeit der Provinz Katanga, und widerrief diese Erklärung erst unter Androhung seiner Verhaftung. Zwar hatte Tshombé die Erklärung der Unabhängigkeit widerrufen, keinesfalls aber von seinem Ziel, der Unabhängigkeit Katangas, Abstand genommen. Nur wenige Tage später, am 10. Juli, intervenierten belgische Truppen auf sein Ersuchen in Elisabethville, dem heutigen Lubumbashi, der Hauptstadt von Katanga. Am nächsten Tag erklärte sich Katanga für unabhängig, dabei wurde es von Belgien unterstützt, das in einem unabhängigen, gemäßigten Katanga die beste Möglichkeit für die Kontrolle über die rohstoffreichste Region des Kongo sah.

Kasavubu und Lumumba ersuchten die UNO um Hilfe im "Krieg mit Belgien". Zwar lehnte die UNO unter ihrem Generalsekretär Dag Hammarskjöld nicht ab und entsandte in ihrer ersten afrikanischen Mission ONUC auch Blauhelmsoldaten, die die belgischen Truppen im Kongo ablösten. Gleichzeitig arbeiteten sie aber den USA zu, die eine direkte Verwicklung in den Konflikt aus Sorge um eine Eskalation mit der UdSSR mieden, einen Kongo unter Lumumba aber nicht zu tolerieren bereit waren. So behinderte die UNO Kinshasa beim Versuch der Aufrüstung gegen Katanga, leitete vertrauliche Informationen an die USA weiter und erklärte sich im kritischen Sezessionskrieg zwischen Kongo und Katanga für neutral.

Belgien wiederum stationierte die "freigewordenen" Truppen aus dem Kongo in Katanga. Am 8. August erklärte sich mit Hilfe des belgischen Bergbaukonzerns Forminière auch die Bergbauprovinz Kasai unter Albert Kalonji für selbstständig. Am 25. und 26. August nahm die kongolesische Armee Kasai kurzzeitig ein und eroberte die Hauptstadt Bakwanga, Kalondji flüchtete nach Katanga und kehrte mit belgischen Verbänden nach Süd-Kasai zurück. Verteidigung und ein weiterer Angriff der Kongo-Armee missglückten. Bei den Militäroperationen der schlecht ausgerüsteten und undisziplinierten Armee kam es zu schweren Massakern an der Zivilbevölkerung.

Lumumbas Ende

In dieser Situation bat Lumumba - wie zu erwarten war, vergebens - die USA um Hilfe und wandte sich dann mit seinem Hilfeersuchen an die UdSSR. Damit war er aus Sicht der USA endgültig als Kommunist diskreditiert. Präsident Eisenhower wies am 18. August die CIA an, Lumumba zu töten, in einem entsprechenden Telegramm vom 28. August an einen Agenten vor Ort schrieb Allen Dulles: "Wir haben beschlossen, dass die Beseitigung Lumumbas unser wichtigstes Ziel ist und dass dieses Ziel unter den gegebenen Umständen innerhalb unserer geheimen Aktion Priorität genießt.". Ein entsprechender Versuch, Lumumba zu vergiften, scheiterte jedoch und die Anweisung wurde von den kommenden Ereignissen überholt.

Kasavubu, bedrängt von der UNO, den USA, Belgien und den sezessionistischen Provinzen, entließ am 5. September Lumumba als Premierminister. Das Parlament jedoch wies Kasavubus Antrag zurück, im Gegenzug entließ wiederum Lumumba Kasavubu, aber auch dieser Antrag scheitert im Parlament. Am 13. September sprach das Parlament Lumumba erneut das Vertrauen aus, kurz darauf wurde er von seinem bisherigen Vertrauten, Armeestabschef Joseph-Désiré Mobutu, mit Unterstützung der CIA und der UN gestürzt. Kasavubu verblieb in seinem Amt als Staatschef, Lumumba jedoch wurde unter Hausarrest gestellt. Sein Stellvertreter, der Vize-Premierminister Antoine Gizenga, wich am 14. Oktober gemeinsam mit Teilen der legalen Regierung nach Stanleyville (heute: Kisangani) aus, proklamierte am 13. Dezember eine lumumbistische Gegenregierung und besetzte mit Unterstützung des von Mobutu entlassenen Generals Victor Lundula und Teilen der Armee die Ostprovinzen Kivu und Orientale. Diese Regierung konnte seinen Einflussbereich zeitweise bis ins nördliche Katanga ausdehnen. Am 24. November jedoch erkannte die UNO-Vollversammlung auf massiven Druck der USA die Regierung unter Kasavubu als legitime Regierung des Kongo an, womit Lumumbas Absetzung auch international anerkannt worden war. Drei Tage später, am 27. November, gelang Lumumba die Flucht aus dem Hausarrest in Kinshasa, er wollte nach Kisangani, um dort zu Gizenga zu stoßen. Obgleich die Bevölkerung ihn auf der Flucht unterstützte, wurde er nach vier Tagen Suche von CIA, belgischem Geheimdienst und Mobutus Truppen bei Mweka wieder festgenommen und nahe Kinshasa nach Thysville in ein Militärlager gebracht, aus dem er nicht mehr fliehen konnte.

Die Jahreswende jedoch brachte die Allianz aus Belgiern, Amerikanern, UNO und Mobutu in Schwierigkeiten: Die Lumumbisten unter Gizenga in Kisangani errangen Erfolg auf Erfolg und kontrollierten fast das halbe Land, am 9. Januar besetzten sie sogar das nördliche Katanga. Zusätzlich gelang es Lumumba im Militärlager Thysville einen Teil der Soldaten auf seine Seite zu bringen. Nachdem diese eine Meuterei begannen, befürchtete Belgien eine erneute Flucht Lumumbas und der belgische Afrika-Minister Harold d'Aspremont Lynden beschloss seine Ermordung in Gang zu setzen. Dafür flog man Lumumba am 17. Januar 1961 in einer DC4 der Sabena nach Katanga aus, formal als "Auslieferung" an Tshombé bezeichnet. Unterwegs bereits wurden Lumumba und seine beiden Begleiter schwer gefoltert und in der folgenden Nacht in Katanga von einem belgisch-kongolesischen Kommando erschossen. Fünf Tage später fuhr ein rein belgisches Kommando erneut in die Savanne zum Hinrichtungsplatz, exhumierte die Leichen, hackte sie in Stücke und löste sie in Schwefelsäure auf.

Bürgerkrieg

Im Februar 1961 entließ Präsident Kasavubu das von Mobutu während des Putsches eingesetzte Kommissarskollegium und installierte eine neue Regierung unter Premierminister Ileo, Mobutu zog sich auf seine militärische Funktion zurück. Nachdem im Dezember die Sezession Kasais endete und am 16. Januar 1962 Kongo- und UN-Truppen Kisangani, die Hauptstadt der lumumbistischen Regierung, eingenommen hatten und Antoine Gizenga verhafteten, beherrschte Kasavubu fast den ganzen Kongo, bis auf das weiterhin sezessionistische Katanga. Allerdings hatten weder Belgien noch die USA ein weiteres Interesse an unabhängigen Provinzen und entzogen Katanga ihre Unterstützung, mit Hilfe der UNO-Blauhelme endete auch die staatliche Eigenständigkeit Katangas im Januar 1963 und Tshombé ging nach Spanien ins Exil.

1964 endete die UNO-Mission im Kongo und die Blauhelme zogen ab, auf Druck europäischer Länder und der USA beauftragte Präsident Kasavubu Tshombé mit der Regierungsbildung. Unmittelbar darauf begannen Aufstände verbliebener lumumbistischer Verbände mit dem Ziel, Belgier und Amerikaner aus dem Kongo zu vertreiben. Insbesondere der Simba-Aufstand 1964 unter maßgeblicher Beteiligung Laurent Kabilas konnte zwar gemeinschaftlich von Belgiern, Amerikanern und der kongolesischen Armee unter Tshombé niedergeschlagen werden, der Bürgerkrieg währte jedoch weiter.

Die zweiten Parlamentswahlen im Mai 1965 fanden in einem vom Krieg traumatisierten und zerrissenen Land statt. Tshombé gelang es, ein Parteienbündnis zu schmieden, das ihm tatsächlich an die Macht half, aber Kasavubu weigerte sich, den Sieger Tshombé mit der Regierungsbildung zu beauftragen und berief am 13. Oktober stattdessen Évariste Kimba (1926-1966). Dessen "Wahl" jedoch wird am 14. Oktober vom Parlament abgelehnt, der Staat war wie 1961 blockiert, eine Situation, die Mobutu zum Anlass nahm, sich am 24. November zum zweiten Mal und diesmal endgültig an die Macht zu putschen.

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