Mehrstündige Einkaufsfahrten nach Windhuk


Blick auf die Straße

Waren Hans und Claudia von Hase unterwegs, so war ich nicht nur für die Gäste Ansprechpartnerin, sondern auch für alle Farmarbeiter/-innen – vom Pflaster bis zum Store, dem Laden, in dem die Farmarbeiter ihre Dinge des täglichen Bedarfs vom Milipap (=Maisbrei, erinnert an unseren Grießbrei, und darf auf keinen Fall beim Farmfrühstück fehlen) bis zur Babynahrung kaufen. Der Store wird vom Farmer betrieben, er sorgt auch dafür, dass er regelmäßig aufgestockt wird, damit es an nichts fehlt. Einkaufsfahrten nach Windhuk, einmal die Woche, werden somit zur tagesfüllenden Unternehmung. Wenn man schon fährt, natürlich mit dem Pick-up, dann geht es nicht nur in den Supermarkt zum Einkaufen der Lebensmittel, die nicht auf der Farm produziert oder angebaut werden, sondern läßt gleichzeitig auch den Traktor-Reifen flicken, holt ein paar Säcke Mineralstoffe für die Schafe, bringt die Küchenmaschine zum reparieren und holt die Post ab, die postlagernd schon seit einigen Tagen auf ihre Empfänger wartet. Der Ausflug in die Hauptstadt wird aber genutzt, um sich einen kleinen Luxus zu gönnen wie einen Lunch im Namibian Crafs Centre oder in einem Buchladen zu schmökern. Einfache Fahrzeit von Kiripotib nach Windhuk beträgt zwei Stunden, davon ein Großteil über “Gravelroad”, also Schotterstraße. Autofahren ist anstrengend, zwar hat man wenig Verkehr, doch muss man Obacht geben auf Kudus am Wegesrand und immer mit einem Platten rechnen. Wer noch nie in seinem Leben einen Reifen gewechselt hat, wir dies spätestens in Namibia lernen.

Ich seh den Sternenhimmel


Highnoon

Nach Namibia fährt man nicht wegen der Städte, sondern wegen der unglaublich schönen Natur, den taghellen Vollmondnächten und dem unvergleichlichen Sternenhimmel – ein Eldorado für Astronomen. So bietet sich für Sternengucker z.B. ein Aufenthalt in der Kalahari auf der Farm Tivoli www.tivoli-astrofarm.de/tivoli_astrofarm.htm an, ca. 190 km südöstlich von Windhuk und direkt auf dem Wendekreis des Steinbocks. Kirsten und Reinhold Schreiber haben sich die kristallklaren Nächte zu Nutze gemacht und eigene Sternwarten und Teleskopsäulen aufgestellt. Sowohl für Hobby- als auch Profiastronomen und für den interessierten Laien ein unvergleichliches Erlebnis. Die Farm ist ganz auf die Bedürfnisse von Astronomen ausgerichtet, vom Astronomenfrühstück bis zur Nachtbrotzeit.

Tirasberge

Eine der interessantesten, touristisch nur für Individualreisende erschlossenes Gebiete Namibias sind die Tirasberge www.tirasmountains.com/start.php im Südwesten Namibias. Vier Farmen haben sich zusammengeschlossen, um dieses Gebiet als Conservancy zu schützen. Die Tirasberge liegen im Übergangsgebiet von vier Vegetationszonen, was ihre Flora und Fauna so besonders interessant macht. Aber auch die Gastgeber der Farmen Gunsbewys (Frau Gräbner), Tiras (Frau Koch) und Koimasis (Wulf und Anke Itzko) sind Originale, die man unbedingt erlebt haben muß. Unvergesslich ist uns die frühmorgendliche Dünenwanderung mit Frau Gräbner, die erst vor ein paar Jahren nach Namibia ausgewandert ist, als sie Ihrem Mann zur Rente die Farm geschenkt hat. Gunsbewys wird nicht mehr bewirtschaftet, jedoch sind Wasserstellen für Oryx-Antilopen und Strauße eingerichtet. Von der Farm aus hat man direkten Blick auf die Tirasberge. Auch hier lohnt es sich, sich von Frau Gräbner Buschmannrelikte zeigen zu lassen. Übernachten kann man bei Frau Gräbner entweder mit dem Zelt – eine Open-Air-Dusche und -WC stehen zur Verfügung - oder in einem kleinen Gästehaus. Auf den Farmen Tiras und Koimasis haben wir ebenfalls gecampt, allerdings sind die Zeltplätze dort richtig luxuriös, d.h. mit gekachelten WC und Bad. Obligatorisch ist überall der Grillplatz für ein Braai. Auf Koimasis konnten wir herrliche Straußensteaks grillen. Tiras wiederum ist bekannt für die Sukkulentenführung von Frau Koch.

Afrika oder Deutschland?


Betriebsausflug

Nun, diese Frage wird man sich irgendwann einmal stellen. Fährt man vom Flughafen Hosea Kutako bei Windhuk Richtung Osten, so überquert man gleich am Anfang den (ausgetrockneten) Fluß “Bismarck”. Straßennamen in der namibischen Hauptstadt wie Talstraße erinnern an “daheim”. Einladungen zu Kaffee und Kuchen sind selbstverständlich. Irgendwie merkwürdig, wenn man bei Melitta-Filterkaffee und selbstgebackenem Marmorkuchen über Kudus, Wasser oder Schakale fachsimpelt. Das namibische Bier (”Tafel Lager”) wird nach deutschem Reinheitsgebot gebraut und stillt den Durst nach einer langen und staubigen Fahrt übers Land. Die Bindung an Deutschland ist sehr hoch. Die meisten deutschstämmigen Namibier verbringen ein paar Jahre in “Übersee”, also in Deutschland, um dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Auf Kiripotib versammeln sich Farmer und Gäste vor dem Fernseher, um sich gemeinsam in der “Tagesschau” oder “heute” über das aktuelle politische Geschehen oder die Fußballbundesliga zu informieren.

Schwarz und Weiß


Auch in Namibia, ehemaliges Protektorat Südafrikas, wurde die Apartheidpolitik rücksichtlos durchgesetzt. Die größten sozialen Probleme sind die nach wie vor ungleichen Lebensbedingungen und die Unterschiede in der Bildungspolitik. Häufig bin ich nach dem heutigen Zusammenleben von Schwarz und Weiß gefragt worden. Ich hatte den Eindruck, man geht mir viel Respekt miteinander um und alle bemühen sich um ein harmonisches Miteinander. Dennoch lebt jeder in seiner eigenen Welt, in seiner eigenen Kultur. Schwarz und Weiß leben eher nebeneinander als miteinander. Das Verhältnis von den weißen Farmern zu den schwarzen Farmarbeitern auf Kiripotib kann man vergleichen mit dem von Arbeitgeber zu Angestellten. Wobei - so mein Eindruck – die Farmer sich mehr in der Fürsorgepflicht sehen als dies z.B. in einem europäischen Betrieb der Fall ist. So organisieren Farmer die medizinische Versorgung, sorgen z.B. dafür, dass einmal im Monat die “Clinic”, ein mobiler Arzt kommt. Oder betreiben den bereits genannten Store, unterstützen Initiativen wie die Kirche auf Kiripotib. Von den Angestellten wird dies aber auch erwartet. Andererseits wird sofort gehandelt, wenn es z.B. zu Konflikten zwischen einzelnen Farmarbeitern kommt – oft die Folge von zuviel Alkohol. Manchmal hätte ich mir etwas mehr Selbstbewußtsein und Initiative, auch von “meinen” jungen Damen, die mich bei der Gästebetreuung unterstützt haben, gewünscht. Es braucht einfach viel Fingerspitzengefühl, um einerseits den Gästen gerecht zu werden, die europäisches Niveau erwarten und auch dafür bezahlen, andererseits aber auch nicht die schwarz-afrikanische Kultur und lokalen Gegebenheiten außer Acht zu lassen.

(Autorin: Sibylle Stöhr)